Bye, bye PS – welcome Camelpower

Am Anfang stand das Grubenpferd. Das half, so will es die Legende, dem Schotten James Watt, der mit der Dampfmaschine den Beginn des industriellen Zeitalters einläutete, die Leistung seiner Erfindung in PS anschaulich zu machen. Von der heute üblichen physikalischen Leistungsbezeichnung Watt konnte Watt noch nichts wissen – die wurde erst 70 Jahre nach seinem Tod ihm zu Ehren so genannt, definiert und 1960 in das internationale Einheitensystem übernommen. Im allgemeinen Sprachgebrauch reden wir meist immer noch von PS. Nissan – und das ist kein verfrühter Aprilscherz – will das jetzt ändern. Zumindest in der arabischen Golf-Region.

Wenn früher von Pferdestärken gesprochen wurde, dann konnte derjenige mit seinen physikalischen Kenntnissen ordentlich auf den Putz hauen, der wusste, dass eine dieser Einheiten für die Leistung stand, 75 Kilogramm in einer Sekunde einen Meter hoch zu heben. Heute will das Deutsche Institut für Normung (DIN) von Pferdestärken nichts mehr wissen und machte stattdessen die Größe Watt zur Pflicht. Exakt umgerechnet steht ein PS für 735,5 Watt, über den Daumen gepeilt entspricht also 1 PS 3/4 kW. International gibt es für die Angabe der Motorenleistung weitere Einheiten: Briten benutzen hp für Horsepower, Franzosen CV für chevaux-vapeur und Amerikaner SAE-PS, was den deutschen Vorstellungen ziemlich entgegenkommt. Jetzt aber will Nissan in den Scheichtümern am Persischen Golf dem Bezeichnungs-Wirrwarr eine neue Norm hinzufügen, die Camelpower, zu Deutsch die Kamelstärke.

Ein Pferd, so schlussfolgerte jüngst der Nissan-Direktor für den Mittleren Osten, Samir Cherfan, nach einem Ausflug in die Wüste, sei für die Bewältigung von tiefgründigem Sand nur bedingt tauglich. Ganz im Gegensatz zum Kamel. Das werde dank seiner breiten Sohlenfläche viel besser mit tiefgründigen Dünen fertig und könne sich an extrem trockene und heiße Lebensräume perfekt anpassen. Er fügte hinzu: „Auch Wagen mit 1000 PS können in der Wüste kläglich scheitern. Aber Autos mit Allradantrieb haben eine Menge mit Kamelen gemeinsam, weil dem Boden dort spielend fertig werden.“ Die Fähigkeiten selbst bärenstarker Sportwagen mit denen von Geländewagen gegenüber zu stellen, wäre demnach ein Vergleich zwischen Datteln und Feigen.

Lokale Nissan-Ingenieure unter Leitung ihres Chefs Mohamad Alaa Eldin erarbeiteten daraufhin zusammen mit Physikern eine neue Formel, mit der die Leistung von wüstentauglichen Fahrzeugen akkurater dargestellt werden sollte. Grundlage waren Gewicht des Wagens sowie dessen Tempo und Traktion auf einer exakt definierten, bergan führenden Strecke auf einer Düne. Die Tests fanden unter Aufsicht von Kameraleuten von National Geographic Abu Dhabi statt (https://www.youtube.com/watch?v=kRI2aWW37Po , arabisch mit englischen Untertiteln) Ergebnis: Eine Kamelstärke entspricht 765 Watt, ein Pferd leistet also 30 Watt weniger. Demnach hat der in Deutschland seit 2009 nicht mehr verkaufte Nissan Patrol Achtzylinder 213 CP statt 220 PS.

Emirates Authority for Standardisation and Metrology (ESMA), die Behörde für Standardisierung und das metrische System der arabischen Emirate, die an den Nissan-Versuchen beteiligt war, will Camelpower (CP) zur offiziellen Maßeinheit für die Leistung von Geländewagen zumindest in der Golfregion, wenn nicht sogar weltweit machen – wenn Allah es will. Nissan wird die Leistung seiner Geländewagen künftig am Persischen Golf auf jeden Fall in Camelpower angeben.

Übrigens: Streng genommen begibt sich Nissan mit seiner Anlehnung an das Wüstenschiff auf den Holzweg. Handelt es sich doch bei den Versuchsobjekten um Dromedare und nicht um Kamele. Letztere haben nämlich zwei Höcker. (ampnet/hrr)

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