Feinstaub in der Silvesternacht

Gerade eben hatte ich es gemeldet: Hannover erwägt anscheinend, über die Umweltzone nachzudenken. Die Umweltzonen, Segen der Menschheit, Sieg des modernen Menschen über die menschgemachte Umweltverpestung, Heilsbringer der grünen Bewegung, Monument der Deutschen Umwelthilfe. „Bis zu zehn Prozent weniger Feinstaubemissionen“ seien möglich, behauptete das Umweltbundesamt in Bezug auf die Umweltzonen.

Zehn Prozent?

2009 hatte ich einmal folgendes geschrieben:

Das Umweltbundesamt hat den verbrennungsbedingten Feinstaub-Anteil des gesamten Verkehrs in einer Untersuchung aus dem Jahre 2005 auf rund 21 Prozent beziffert, andere Statistiken sprechen von deutlich unter 10%. Eine Untersuchung der Universität Wien ermittelte u.a. 23% Mineralstaub/Splittstreuung, 13% Holzrauch und 15% Verkehrs-Aerosole. Letztere teilen sich auf in Motor-Emission, Bremsstaub und Reifenabrieb, wobei für den Motor durchschnittlich 7% angegeben werden. Wohlgemerkt: Auch damals gab es schon eine ganze Menge Fahrzeuge, die die grüne Plakette bekommen hätten.

Wenn wir das jetzt mit der Feinstaubverordnung zusammenwerfen, die ganzen Ausnahmen rausrechnen und uns vor Augen halten, daß auch Fahrzeuge mit grüner Plakette immer noch Feinstaub emittieren…dann schmelzen diese 7% plötzlich ganz schnell zusammen.

Quelle: http://buschtaxi.org/co2-steuer-feinstaub-abwrackpraemieund-nu/

Der Österreichische Verein für Kraftfahrzeugtechnik (ÖVK) hatte in einer Studie unlängst ermittelt, dass die Emissionen durch Aufwirbelung und Abrieb mehr als doppelt so hoch liegen wie die Emissionen durch Fahrzeugabgase.

Wieviel Feinstaub also tatsächlich unterm Strich durch den Verbrennungsmotor emittiert wird, ist fraglich und sicher nicht zu ermitteln. Jedenfalls ganz sicher nicht „10 Prozent“.

Was mich sogleich auf einen anderen Gedanken brachte:

Wurde eigentlich je untersucht, wieviel Fein- oder Schwebstaub die Silvester-Knallerei erzeugt? Die sommerliche Grillsaison? Streusalz? Bauarbeiten? Laserdrucker? Schüttgutumschlag? Der jährliche Staubsturm aus der Sahara?

Auf der Seite des Umweltbundesamtes gibt es eine unfassbar schöne Grafik zu jedem Jahreswechsel, schön nach Uhrzeit aufgeschlüsselt. Die gerade zurückliegende Silvesternacht ist noch nicht online, aber zur Vorbereitung kann man sich mal die vergangenen Jahre anschauen: http://gis.uba.de/website/silvester/

Ganz aktuell hat der Österreichische Verein für Kraftfahrzeugtechnik (ÖVK) in einer Studie untersucht, welche Feinstaubemissionen durch das jährliche Abbrennen von „Jahresend-Pyrotechnik“ anfallen. Dabei fiel es den Wissenschaftlern zunächst offensichtlich ausgesprochen schwer, an unabhängiges Datenmaterial zu gelangen: „Sowohl die deutschen als auch die österreichischen Behörden arbeiten mit Daten zu Feinstaubemissionen, die ungenau und zu niedrig angesetzt sind“, vermeldet ampnet in einem Bericht zur Studie. Über weitere Schadstoffe gäbe es sogar überhaupt keine Informationen. Der ÖVK stellte fest: „Der Eindruck, den man gewinnt, ist, dass die notwendigen Untersuchungen nicht durchgeführt werden, um die Folgen von deren Ergebnissen zu vermeiden“.

Die 80-seitige Untersuchung des ÖVK kommt dennoch auf interessante Ergebnisse: Die Partikelemissionen pyrotechnischer Gegenstände liegen laut Studie je nach Fahrzeug und Feuerwerksartikel um 100 bis 1000 Mal höher als die Emissionen eines Dieselmotors. Überdies enthielten die Partikel einen Anteil an Schwermetallen wie Blei, Aluminiumstaub und Magnesiumdampf, der teils weit oberhalb der Grenzwerte für Arbeitsstellen läge und sogar toxische Wirkungen entfalten könne. Die Partikel aus Feuerwerkskörpern würden überdies regelmäßig in Höhen von 40 bis 200 Metern emittiert, von wo sie langsam absinken; sie verblieben im Vergleich zu Fahrzeugabgasen weitaus länger in der Atmosphäre.

Insgesamt, so die Studie, lägen die Partikelemissionen aus Feuerwerken in Deutschland (fast neun Kilotonnen!) auf dem Niveau der Partikelemissionen ALLER Fahrzeuge, einschließlich Lastwagen und Motorräder. Die reinen Pkw-Emissionen lägen weitaus niedriger. In aller Deutlichkeit heißt das: Innerhalb einer einzigen Nacht werden so viele Partikel in die Atmosphäre gelassen wie durch den gesamten Straßenverkehr innerhalb eines Jahres. Zusätzlich jedoch, damit es sich lohnt, angereichert mit toxischen Inhaltsstoffen.

Soviel zum jährlichen Feuerwerk. Bleiben Grillsaison, Kohlekraftwerke, Reifenabrieb, Bremsabrieb, Streugut, Kehrwoche und wasweißich noch alles.

Fassen wir zusammen: Der verbrennungsbedingte Feinstaub-Anteil des Straßenverkehrs kommt auf – sind wir doch großzügig! – unter zehn Prozent.

Und der Straßenverkehr an sich ist nur EIN Feinstaub-Emittent unter vielen.

Angesichts dieser Zahlen sind wir natürlich froh darüber, dass sich die Politik in einer einzigartigen Aktion der umweltpolitischen Vernunft darum gekümmert hat, dass grobstaubemittierende Fahrzeuge nicht mehr in die Städte fahren dürfen. Zielgerichtet wurde erkannt, dass „umweltpolitische Nachhaltigkeit“ sich vor allem darin erschöpft, ältere, tadellos funktionierende Fahrzeuge aus dem Verkehr zu ziehen und durch neu produzierte zu ersetzen, die gleichzeitig glücklicherweise nicht so lange halten wie die alten Karren.

Wir können uns nur beglückwünschen!
P.S.: Im August hatte Spiegel Online übrigens mal über die Feinstaubbelastung durch Holzfeuerung berichtet. Auch sehr interessant:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/holzoefen-und-feinstaub-oefen-und-kamine-belasten-luft-mit-feinstaub-a-986492.html

 

Diskussion: http://forum.buschtaxi.org/feinstaub-in-der-silvesternacht-t49288.html

 

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