Kurztest: VSC + A-TRC im Land Cruiser 70

Im Jahre 2012 hat der australische Minengigant BHP Billiton angekündigt, in bälde nur noch Fahrzeuge mit 5 Sternen im ANCAP-Test in die Flotte aufzunehmen, nur um kurz darauf zu merken, dass es gar nicht so einfach sein würde, ihre heavy duty Land Cruiser durch die leichteren Hilux oder Ford Ranger zu ersetzen. Also „bat“ man lieber Toyota darum, den Land Cruiser 70 so aufzuwerten, dass er ihren gesetzten Sicherheitsstandards entsprach. Das wiederum war nicht ganz so einfach, und Toyota hat über vier Jahre entwickelt, bis sie einen Land Cruiser 79 Single Cab präsentieren konnten, der die 5 ANCAP-Sterne erreichte. Und es ist (derzeit!) tatsächlich nur der von den Minengesellschaften so favorisierte Single Cab Pick-up, der dieses Rating erziehlt, auch wenn die anderen Modellvarianten natürlich ebenfalls von den Entwicklungen profitieren. Ob Double Cap, Troopy und Wagon auf dieses Level gehoben werden, wird von Toyota derzeit nicht kommentiert.

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Wenn man alle theoretisch erhältlichen Upgrades zusammenschreibt, ergibt sich eine mittlerweile beeindruckende Liste von Sicherheitsfeatures: Stabilitätskontrolle VSC, Traktionskontrolle A-TRC, Berganfahr-Assistent HAC, natürlich das vorher schon vorhandene ABS, Bremsassistent, elektronisch geregelte Bremskraftverteilung, Frontairbag, Seitenairbag, Knieairbag für den Fahrer, Tempomat, Gurtstraffer, Reifendrucksensoren, automatische Freilaufnaben, zugunsten des Fußgängerschutzes veränderte Motorhaube…und auch an Rahmen und Aufprallschutz wurde einiges getan. Von der Rückfahrkamera, dem kürzeren 2. und längeren 5. Gang und diversen anderen Änderungen will ich jetzt gar nicht anfangen. 😉 Kurzum: Der Land Cruiser 70 hat letztes Jahr die bedeutendste Aufwertung seit langem erhalten.

Natürlich gilt wie immer: Nicht in jeder Ausstattungsvariante und nicht in jedem belieferten Markt ist jedes Feature erhältlich. Zu uns nach Europa (das sind ja Nahost-Versionen) kommt z.B. lange nicht alles davon.

Ich hatte vor ein paar Tagen bei Extrem in Schwenningen die Möglichkeit einen der ersten 2017er 78er in Europa zu fahren: Einen GRJ78 mit Airbags, ABS (vorne Scheiben, hinten Trommeln), VSC, A-TRC, Sperre v+h, elektr. Bremskraftverteilung und Reifendrucksensoren nebst (deshalb logischerweise notwendigen) einteiligen Stahlfelgen.

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Die gute Nachricht vorweg: Es gibt nichts auffälliges zu berichten. 😉

VSC, die Stabilitätskontrolle, vergleicht die aktuelle Fahrtrichtung mit den Werten aus Lenkradposition, Beschleunigung- und Bremsvorgaben und greift ein, wenn die tatsächliche Fahrzeugbewegung signifikant von der vorgegebenen Richtung abweicht. Dann warnt VSC den Fahrer und hilft ihm mit Leistungsreduzierung und gezieltem Bremseingriff, das Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu bringen. Und das macht das VSC im J7 sehr unauffällig und angenehm: Ein bisschen Schlupf und ein kleines bisschen Drift lässt sie zu, dann fängt sie den 78er sauber und beruhigend wieder ein.

A-TRC, die Traktionskontrolle, überwacht den Grip an allen vier Rädern und setzt im Fall der Fälle die Bremsen ein, um durchdrehende Räder wieder einzubremsen und die Kraft auf die Räder zu lenken, die besseren Grip haben. A-TRC kann darüber hinaus aber auch die Leistung und sogar den Bremsdruck steuern, was letztendlich eine Art LSD-Effekt ergibt. Das alles geschieht ebenfalls außerordentlich unauffällig und auch nicht zu früh: Stabilitäts- und Traktionskontrolle wurden hauptsächlich auf australischen Schotterpisten entwickelt und getestet, und genau da spielen sie ihre Stärken auch voll aus. Und wenn man gezielt Schlupf und Leistung braucht (auf der nassen Wiese oder im Sand), lässt sich per Knopfdruck ja alles deaktivieren.

Mit anderen Worten: Beide Helferlein sind alles andere als der Super-GAU für den Puristen. Im Gegenteil: Leere 78er sind (vor allem mit Serienbereifung) bei nasser Fahrbahn ohnehin Heckschleudern, und Sperre hin oder her: Im Gelände ist Schlupf meistens eher ungünstig. VSC und A-TRC greifen in diesen Situationen sehr sachte und hilfreich ein, und es mag durchaus Situationen geben, in denen beides sehr hilfreich ist. Und nach allem, was man auch von den australischen Testern hört, sind auch die Industriekunden und Farmer sehr zufrieden mit diesen Neuerungen. Ich kann beidem nur positives abgewinnen, vor allem auch, weil man es bei Bedarf zu 100% abschalten kann.

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Und was dann? Dann schaltet man es eben aus. Der Knopf im unteren Teil des Armaturenbretts schaltet die elektronischen Helferlein tatsächlich komplett ab, und zwar schon auf den ersten Tastendruck und nicht (wie bei den Sportwagen aus dem Hause Toyota) zweistufig. Auch in 4H sind VSC und A-TRC aktiviert bzw. abschaltbar, erst in 4L schaltet sich VSC aus, während A-TRC noch eingreift, sofern man das Knöpfchen nicht drückt. Sobald man die Sperre aktiviert, ist ebenfalls alles aus.

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Was mit dem aktuellen Upgrade noch nicht geändert wurde, ist der massive Unterschied in der Spurbreite vorne und hinten: Die 100 mm breitere vordere Spur war nötig durch die Baubreite des V8, und es gab zwar einen neuen Vorderbau, aber aber der A-Säule blieb ja alles gleich. Dieser Spurunterschied bringt in Kurvenfahrten eine gewisse Stabilität durch gutmütiges Untersteuern, kann aber gerade bei Fahrten im Schlamm (durch die Spurbildung) unter Umständen zu einem eher lustigen Herumgehoppel führen. „Dieses Mal“ sei es nicht ganz oben auf der Liste gestanden, meinten die Toyota-Entwickler. Diese Formulierung lässt hoffen.

Abgesehen davon, und das sei noch am Rande erwähnt, ergab sich übrigens bei der Präsentation des 2017er Modells eine allseitige Übereinstimmung zwischen Toyota Australien und den Entwicklern der Muttergesellschaft, dass die Aufgabe des Land Cruiser 70 absolut KEINE Option sei.

Auch das lässt hoffen.

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