Land Cruiser 79 6×6: Zwei neue Länder, zwei neue Herausforderungen

Von Andrew St Pierre White

An einem frühen Morgen im Februar wurden mir unvermittelt ein neuer Kontinent und ein völlig neuer Typ Expeditionsfahrzeug auf dem Silbertablett serviert: Ich befand mich in Dubai und war zum ersten Mal überhaupt in Asien, und dort in der Einfahrt wartete ein Toyota Land Cruiser 6×6 auf mich, beladen mit allerlei Camping-Ausrüstung und „ready to go“.

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Die Aussicht genau darauf hatte mich die drei Monate zuvor wachgehalten, während der Trip erst vorgeschlagen und ausgearbeitet wurde und schließlich tatsächlich fest stand.

Shaun und Andronette Mayer, in Dubai lebende Südafrikaner, hatten die Idee, mit mir durch den Oman zu reisen, und dieser Gedanke reichte schon völlig aus, um meine Reiselust überkochen zu lassen. Es stellte sich zudem jedoch heraus, dass die beiden sich seit über einem Jahrzehnt auf Reisen in genau dieser Gegend spezialisiert haben und darüber hinaus auch Teil eines Autorenteams sind, das zahlreiche Reiseführer dafür verfasst hat. Meine Gastgeber waren also mehr als qualifiziert, um mir die ganze Bandbreite des Oman zu zeigen.

Die Ansage an mich lautete: „Nimm eine Zahnbürste und Deinen Führerschein und komm her. Den Rest erledigen wir.“

Das hat mich ein wenig nervös gemacht. Als ich viele Jahre zuvor einer ähnlichen Einladung folgte, fand ich mich plötzlich mutterseelenalleine an einem Fluss wieder. Mit einem Fahrzeug. Ohne Kraftstoff. Und mit einem Schweizermesser als einzigem Werkzeug und der Aussicht auf eine unbequeme Nacht auf dem Boden ohne jegliche Ausrüstung oder gar eine Decke. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im Gegensatz dazu jedoch gaben Shaun und Andronette alles und bescherten Gwynn (meiner Frau) und mir eine absolut wunderbare Zeit in der Wüste.

Das alles wurde jedoch übertroffen von unserem Gefährt: Ich mag den Toyota Land Cruiser ohnehin sehr, aber dieses Exemplar übertraf all meine Erwartungen. Zuerst hieß es, mein Fahrzeug sei ein Jeep Wrangler, und das war OK für mich, ein Jeep ist immer eine gute Wahl. Dann aber gab es eine kleine Planänderung und es hieß: „Ein Dubaier Fahrzeugbauer leiht Dir eine seiner Kreationen“.

Damit wurden meine Nächte schlafloser. Araber lieben ihre Allradler. Sehr. In Wahrheit vermutlich ein wenig zu sehr um es noch als „gesund“ zu bezeichnen. Manche ihrer haarsträubenden Kreationen sind geradezu absurd. Ich hingegen, der ich mich selbst als ein wenig konservativ bezüglich meines Fahrzeuggeschmackes bezeichne, sähe mich ungern in einem Fortbewegungsmittel, dessen Sinn und Zweck sich mir nicht so ganz erschließt.

Was mir dann allerdings präsentiert wurde, ließ mich vor Glück erschaudern: Ein Toyota Land Cruiser 79 Pick-up mit australischem Multidrive-6×6-Umbau. Mit der Zuladung von 3 Tonnen (nicht dass ich die bräuchte), den sehr beweglichen Hinterachsen, den automatischen Differentialsperren und dem Doppeltanksystem würde das einfach eine fantastische Tour werden, da war ich mir sofort sicher.

Schon beim ersten Anblick dämmerte mir, dass dieses Fahrzeug sogar noch ein besseres Reisefahrzeug sein könnte als mein geliebter Land Cruiser 78. Wenn, das versteht sich, der entscheidende Faktor stimmt: Wie würde sich das Ding überhaupt fahren?

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Unsere Tour führte uns zuerst durch eine recht rauhe Ansammlung von Dünen im Al Marmoum Conservation Reserve in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Shaun wollte uns die arabischen Gazellen zeigen, die Oryxe, die Kamele. Ich allerdings war deutlich weniger an Flora und Fauna interessiert, wollte ich doch vor allem wissen, wie sich dieser 6×6 im Tiefsand schlägt.

Diese Frage im Hinterkopf entschied ich, zuerst mit ganz normalem Reifendruck zu fahren, während Shaun den Druck an seinem schwer beladenen Land Cruiser 76 auf 1 Bar senkte. Erstaunlicherweise hielt ich mit ihm mit, wenn auch nicht unbedingt mit Leichtigkeit. Als der Tag langsam heißer wurde, musste ich allerdings klein beigeben: Auch wenn die Leistungen des 6×6 im Sand gut waren, war es doch kein fliegender Teppich. Auch sechs Reifen graben sich nunmal im Sand ein, wenn er weich genug ist.

Die große Überraschung war jedoch die Handlichkeit: Ich erwartete ein schwerfälliges Gefährt, das sich anstrengend fahren ließe. Aber kein bisschen: Der 79er fühlte sich zwar etwas schwerer an als mein Buschtaxi, aber nicht so sehr, dass er schwer zu kontrollieren wäre. Er benahm sich sogar recht neutral, und am Ende dieses Tages war ich außerordentlich zufrieden mit meinem Testwagen.

Die Straßen in den Süden Süden durch Oman und Richtung des Hochplateaus waren anschließend eine gute Testumgebung für die Straßentauglichkeit. Und ich war begeistert! Er lag so gut auf der Straße wie ein regulärer Land Cruiser 79 mit hochwertigem Fahrwerksumbau, und das beim leicht beladenen 79er übliche Schlagen der Hinterachse war verschwunden.

Hoch in den Al-Hajar-Bergen entdeckte ich dann den schönsten Bergpass, den ich je befahren dufte. In den folgenden neunzig Minuten erkletterten wir Spitzkehre auf Spitzkehre 1.800 Höhenmeter, immer Zentimeter vom gähnenden Abgrund entfernt. Der 6×6 bewältigte diese hohe Kunst des Handlings mit Bravour, und die Bremsen waren eindeutig besser als die lausigen hinteren Trommelbremsen an meinem Troopy.

Um dem ganzen die Krone aufzusetzen (und mein Vergnügen noch zu steigern), war die Passstraße natürlich ein Schotterweg. Himmlisch! Und dieses Fahrzeug ließ sich so einfach hinaufsteuern: Kein offenkundiges Untersteuern, wie ich es erwartet hatte, sondern sogar fast ein wenig übersteuernd – exakt das, was ich gewohnt war. Zwei weitere in-den-Gurten-hängende Stunden bergab und das Lächeln war mir ins Gesicht gemeißelt: Ich liebte jeden Zentimeter dieser Abfahrt.

Die Fahrt durch den Oman war fantastisch, der 79er grandios, die entstandenen Landschaftsaufnahmen unübertroffen. Die Campstellen waren hingegen leider furchtbar. Während also der Müll rund um viele Campsites unser Bild vom Oman ein wenig trübte, hat er uns doch keinesfalls die Freude an diesem großartigen Land verdorben. Abgesehen davon sind Müll und Unordnung leicht zu lösende Probleme, es braucht nur Mülleimer, Aufmerksamkeit und ein wenig politischen Willen.

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Mein Urteil über den Land Cruiser 79 „Multidrive 6×6“ lautet hingegen schlicht: Als Doppelkabiner mit einer guten Wohnkabine wäre das ein absolut fantastisches Reisefahrzeug. Er hat wirklich alles, was es dazu braucht.

Das getestete Exemplar wurde vom 1HZ-Motor angetrieben, diesem 4,2 Liter großen Saugdiesel-Sechszylinder, der aufgrund des Fehlens jeglicher Elektronik in den Entwicklungsländern so innig geliebt wird. Sogar mit einem nachgerüsteten Turbo ist diese Maschine immer noch ein wenig leistungsschwach, dafür lag mein Kraftstoffverbrauch ungefähr auf dem Niveau von Shauns schwer beladenem 76er: Ca. 15 Liter auf 100 km. Parallel zum Saugdiesel gibt es den Land Cruiser 79 Doppelkabiner je nach Markt auch noch mit dem 4-Liter V6-Benziner und dem 4,5-Liter V8-Turbodiesel.

Das Beste an diesem Truck ist aber sein Fahrverhalten auf schlechten Wegen und Waschbrettpisten: Durch die Koppelung der Hinterachsen wird Achse drei heruntergedrückt, wenn Achse 2 hochgedrückt wird – und umgekehrt. Das zeigt sich am besten bei der Überfahrt von Straßenschwellen: Die Vorderachse hüpft wie eh und je, aber der Effekt am Heck des Fahrzeugs fühlt sich irgendwie unnatürlich an: Es passiert beinahe nichts. Vorne in der Kabine fühlt man fast nichts von der Erhebung, die mit den Hinterrädern gerade überrollt wird. Offroad fühlt sich das ein wenig seltsam an, aber als ich mich erst einmal daran gewöhnt hatte, war ich beeindruckt. Auf Pisten fühlt sich das fantastisch an!

„Ziemlich abscheuliche Wellen“, sagte Shaun einmal. Ich schaute ihn ziemlich verblüfft an, denn ehrlicherweise hatte ich das nicht bemerkt. Ehrlich. Aber ich belasse es jetzt erst einmal dabei und verschiebe die weitere Beurteilung auf einen weiteren Test. Im Moment kommt mir das alles ein wenig zu schön vor, um wahr zu sein.

Wie auch immer: Wenn ich so über mein nächstes Reisefahrzeug sinniere, muss ich mir ernsthaft überlegen, ob der Land Cruiser 79 6×6 nicht tatsächlich die nächste Sprosse auf der „Overland-Leiter“ wäre. Könnte man ihn in den perfekten Expeditions-Cruiser verwandeln? Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Soweit es die Reise in den Oman betrifft, habe ich jede Minute davon genossen.

Andrew St Pierre White, 4xOverland.com, März 2016

Videos:

PART-1: https://youtu.be/Zpu_uz4Ftss

PART-2: https://youtu.be/wtSA4CuHBI4

PART-3: https://youtu.be/ZY2Ya9_uQdc

Playlist: https://www.youtube.com/playlist?list=PLdZBtPD_yK0-2kCZxTS7Qiv8YX9PwbIJv

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