Das Land-Cruiser-Notfall-Kommunikationsnetzwerk

Das Internet ist überall, weil wir uns mittlerweile überall mit ihm verbinden können…meint man. Wenn man sich dann aber mal außerhalb der Ballungsgebiete bewegt, merkt man schnell: Ganz so weit her ist es mit der Netzabdeckung nicht. Jedenfalls nicht so weit, wie es einem die Telekommunikationsanbieter in der Werbung weis machen wollen.

Kein Funkmast, kein Netzzugang, kein Internet, keine Kommunikation. Nun lässt sich natürlich auf Satellitenkommunikation ausweichen, die ist jedoch bislang eher aufwändig und daher teuer, was wiederum dazu führt, dass darüber eher kleinere Mengen an Daten versendet werden (z.B. bei Tracking-Systemen). In unserer global zusammenrückenden Welt mit dem Drang, immer und überall angeschlossen zu sein, ist das durchaus ein Problem. Wer jetzt die nicht-Erreichbarkeit als hip und wünschenswert erklärt, der mag in den meisten Fällen recht haben – wenn ich jedoch irgendwo im Nirgendwo stehe und ein Problem habe, dann wäre ein wenig Erreichbarkeit nicht die schlechteste aller Ideen.

Und es wird daran gearbeitet: Google möchte die Netzabdeckung mit Ballons in entlegene Gebiete bringen, Facebook experimentiert mit Drohnen. Nun sind Ballons und Drohnen jedoch massiv vom Wetter abhängig, und gerade in extremen Wettersituationen wird eine solide Notfallkommunikation gebraucht.

Paul Gardner-Stephen hätte deshalb im australischen Busch gerne etwas anderes als Datenverteiler: Autos. Genauer gesagt: Toyota Land Cruiser. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass der Land Cruiser dort das Fortbewegungsmittel Nr. 1 ist. Früher ging ein Mann nie ohne Hut und Stiefel in den Busch, heute sind es Hut, Stiefel und Land Cruiser. Über eine halbe Million Land Cruiser sind in Australien unterwegs, und in manchen Gebieten erreicht der Alleskönner sagenhafte 90% Marktanteil.

Malcolm Douglas and his 2002 Toyota LandCruiser 78 Series Troop Carrier. 020412-106-15A
Malcolm Douglas und sein Toyota Land Cruiser 78 Baujahr 2002

Gardner-Stephen arbeitet an der Flinders University in Adelaide, Australien, und ist u.a. Mitgründer des open-source-Nachrichtendienstes „Serval“. Gemeinsam mit Toyota Australien und der Agentur Saatchi & Saatchi hat er sich ein neues Notfall-Kommunikationsnetzwerk ausgedacht, in dem die zahllosen Land Cruiser im Outback als Hub fungieren sollen. Die Idee sieht vor, dass jeder Land Cruiser mit einem Notfall-Hotspot ausgerüstet, der via WiFi erreicht werden kann: Hat jemand im Outback ein Problem, so soll er über sein Handy den nächsten Hotspot erreichen können, der seinerseits Verbindung mit dem nächsten Hotspot aufnimmt…und so soll schlussendlich, genügend Hotspot-Cruiser vorausgesetzt, die Nachricht den Rettungsdienst erreichen. Die angedachte Reichweite der Hotspots ist dabei mit 15 Meilen mehr als ordentlich.

© Saatchi & Saatchi Australia
© Saatchi & Saatchi Australia

Wir sprechen hier natürlich von einer reinen Notfall-Kommunikation: Es geht nicht darum, im Busch Videos zu streamen, sondern um das Absetzen einer Nachricht im Notfall. Australien steht an dritter Stelle der dünnstbesiedelten Länder, und das bringt es natürlich mit sich, dass immens große Bereiche keine reguläre Netzabdeckung haben.

Natürlich ist viel PR dabei: Toyota möchte die Bedeutung des Land Cruisers auf dem australischen Markt herausstellen, und ein solches Projekt eignet sich ganz wunderbar dafür. Sympathischerweise sprechen Toyota und Saatchi & Saatchi das aber auch ganz offen aus. Im Laufe des Projektes kamen die beiden Partner jedoch recht schnell an den Punkt, sich externe Hilfe holen zu müssen. Hier kam Paul Gardner-Stephen ins Spiel: Seit dem großen Erdbeben in Haiti im Jahre 2010 arbeitet Gardner-Stephen mit seinem Team an dezentralisierten mobilen Nachrichten-Systemen für den Einsatz in Katastrophengebieten. Bei Naturkatastrophen ist die Telekommunikations-Infrastruktur zumeist komplett zerstört, eine reguläre Abdeckung ist unmöglich. Also weicht Gardner-Stephen auf dezentrale peer-to-peer-Lösungen aus, bei denen der Ausfall einzelner Knotenpunkte die Kommunikation allenfalls verlangsamt, nie jedoch zusammenbrechen lässt.

© Saatchi & Saatchi Australia
© Saatchi & Saatchi Australia

Gardner-Stephens Team hatte zur Zeit der Toyota-Anfrage schon die grundlegende Technik entwickelt, die Konnektivität wurde mittels Wi-Fi realisiert. Für das Land-Cruiser-Netzwerk wurde das System jedoch auf UHF (Ultra High Frequency) umgestellt, um größere Distanzen überbrücken zu können. Derzeit laufen 10 Land Cruiser im Testbetrieb in Südaustralien. Der Entwickler geht dabei erfrischend offen mit seinem Projekt um und betont, dass alles noch in der Entwicklungsphase sei: „Es ist ein wenig wie der Todesstern in ‚Rückkehr der Jedi‘: Die große Kanone funktioniert schon, aber wenn man die falsche Tür öffnet, steht man vielleicht plötzlich im Vakuum des Weltalls“. Sobald die Tests fortgeschritten sind und das System stabil funktionierent, soll in Zusammenarbeit mit der australischen Regierung eine Lizenz für das entsprechende Funkspektrum erwirkt und das Ganze auch in die offiziellen Emergency-Response-Systeme integriert werden. Und auch rechtliche Fragen müssen noch geklärt werden, nicht zuletzt auch zum Schutze jener Land-Cruiser-Eigner, die ein solches System verbaut haben.

 

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