Restauration: BJ70 by Sandlander

Laszlo Pocsik aus dem ungarischen Hernád kann man ohne Übertreibung als Land-Cruiser-Freak bezeichnen, und besonders am Herzen liegen ihm die Serien 60 und 70. Zusammen mit seinem Team von „Sandlander“ kümmert er sich – unter anderem – um die Restauration klassischer Land Cruiser. Und das mit einer wunderbaren Detailverliebtheit: Die Land Cruiser 60, die Sandlander auf dem Buschtaxi-Treffen und der Messe in Bad Kissingen ausgestellt hatten, waren wirklich gute Arbeit und haben so manchem unbedarften Besucher die Frage entlockt, ob das ein Neufahrzeug sei.

Wo Fahrzeuge restauriert und verkauft werden, muss natürlich auch Nachschub her, und dementspechend streckt Laszlo immer wieder seine Fühler auf dem Markt aus. Einer dieser Beutezüge führte Laszlo unlängst zufällig in die Garage einer großen Pasta-Familiendynastie im italienischen Modena. Wo Ferrari, De Tomaso, Lamborghini, Pagani Zonda, Maserati ihren Ursprung haben, wollte der Patriarch dieses Pasta-Universums wohl einen Kontrapunkt setzen und kaufte sich den größtmöglichen Kontrast: Einen Land Cruiser BJ70. Und den fuhr er bis zu seinem Ableben auch regelmäßig.

Und so fand ein selten gut erhaltener Cruiser seinen Weg nach Ungarn: Gebaut 1985, hat der BJ70 in knapp 30 Jahren nur rund 172.000 km zurückgelegt, und er wurde dabei hervorragend gepflegt. Kein Unfall, immer in der Garage, alle Wartungen in der Vertragswerkstatt und natürlich nur original Toyota-Teile…der Lack leuchtete noch in seinem ursprünglichen Glanz, kein noch so kleines Rostfleckchen störte das Bild.

Keine Frage: Ein solcher Fund ist heutzutage selten. Und kostbar.

Zurück in Ungarn nahm man sich des Schätzchens an: Der Lack wurde sorgsam aufpoliert, das rote „LX“-Emblem ein wenig nachlackiert, innen und „unten“ sorgfältig vom Schmutz der Jahre befreit, Filter, Keilriemen, Bremsbeläge und Kupplungsscheibe ersetzt. Kurz nach dem Kauf wurde der Rahmen wohl gegen Rost behandelt, was auch sehr gut funktioniert hat, dennoch wurde alles von den Teerresten befreit und neu behandelt.

Und jetzt? Ein Museumsstück wollte Laszlo nicht draus machen, dafür ist ein Land Cruiser auch zu schade, ein solches Schmuckstück muss gefahren werden. Also wurde kurzerhand noch ein wenig weitergemacht: Vorne gab es eine ARB-Stoßstange (die vor 30 Jahren exakt genauso aussah), die hintere Stoßstange fiel dem Böschungswinkel zum Opfer. Auf die sandgestrahlten und kunststoffbeschichteten originalen Stahlfelgen kamen 235/85-16, das ist erstens einigermaßen originalgetreu und zweitens bei dieser wahnsinnigen Leistung auch die maximal anzuratende Größe, um nicht als rollendes Verkehrshindernis in den Verkehrsnachrichten erwähnt zu werden. Die Räder werden geführt und gefedert von einem Old-Man-Emu-Fahrwerk (auch das gab es vor 30 Jahren schon) mit fünf Zentimetern Höherlegung, für den satten Stand gab es zusätzlich Aluminium-Spurverbreiterungen in drei Zoll Breite. Hinten prangt eine NATO-Kupplung für 3,5 Tonnen, vorne eine WARN 9000, die von 12 auf 24V umgebaut wurde. Nicht ganz zeitgemäß sind die Hella Luminator Xenon-Scheinwerfer vorne, hier wurde die Funktionalität vor die Originaltreue gestellt. Wobei auch die Luminator schon seit 1989 gebaut werden…

Der erste größere Einsatz des 70ers soll dieses Jahr im August stattfinden: Dann wird das Team von Sandlander nach Marokko aufbrechen und u.a. ein Teilstück der DAKAR 2007 befahren. Da es sich innen im kurzen Land Cruiser eher schlecht schlafen lässt, bekam er ein Dachzelt, und auf der genau gegenüberliegenden Seite (also unterm Auto 😉 ) einen massiven ARB-Unterfahrschutz aus Aluminium. Letzterer wird seit zehn Jahren nicht mehr hergestellt und wurde extra auf Anfrage angefertigt. Ein Umstand, der vermutlich eher nicht zur Vergünstigung des Projektes beitrug.

Innen mussten die Sandlander-Jungs allerdings kaum Hand anlegen: Die sitze waren auch nach 172 tsd. km nicht zerschlissen, Lenkrad, Schalthebel, Armaturenbrett, Teppiche – alles in einem sehr guten Zustand. Es ist faszinierend, wie gepflegt manche Fahrzeuge die Zeit überstehen, während andere schon nach…aber lassen wir das. Zurück zum Punkt „zeitgemäß“: Nach einer 4-wöchigen Suche und einem langen E-Mail-Verkehr konnte als i-Tüpfelchen das Pioneer-Kassettenradio durch ein originales Toyota-Radio ersetzt werden. Natürlich mit originalen Lautsprechern, was auch sonst.

Ein solcher Aufwand schlägt sich natürlich auch preislich nieder. Hätte es sich um eine Restauration im Kundenauftrag gehandelt, würde Sandlander ca. 11 tsd. Euro veranschlagen, das komplette Fahrzeug liegt bei knapp 30 tsd.

Man mag sich insgeheim fragen, warum man einen solchen Aufwand treibt, wenn man dann „doch nur“ damit in die Wüste fährt. Aber genau das ist ja der Punkt: Wer dem Charme der Land Cruiser aus den Achtzigern einmal verfallen ist, der kann sich an einem solchen Schmuckstück nicht satt sehen. Originaler Innenraum, originaler Lack, originale Optik, originaler 3B-Motor…keine Vollrestauration und damit kein „Neuwagen“, sondern ein jetzt wieder neuwertiger Klassiker mit einem ungeheuren Charme. Und ein Klassiker, mit dem man in genau dieser Ausführung schon in den Achtzigern in die Sahara gefahren ist. So wird jede Tour zur Zeitreise.

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