Toyota Hilux Invincible: Kurztest, Teil 1

Der Toyota Hilux ist eine Legende.

Aber wie bei allen großen Legenden ist auch die öffentliche Wahrnehmung des Hilux hierzulande ein verzerrtes Bild der Realität. Dieses Bild speist sich vor allem aus australischen Werbespots auf Youtube, Zerstörungsorgien bei Top Gear und zutiefst verstörenden Bildern aus Krisengebieten, darüber hinaus taucht er so gut wie nicht auf. Eine selektive Darstellung, die der Hilux nicht verdient hat und die ihm auch nicht gerecht wird, die jedoch auch aus seinem Auftreten folgt: Still, heimlich und leise hat er die Welt erobert, dient sich an beinahe jedem Ort dieses Planeten als Arbeitstier an und verrichtet seine Aufgaben unauffällig und zuverlässig. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Sein Cousin Land Cruiser ist einfach der lautere der beiden. Sicher: Über 7 Millionen Toyota Land Cruiser wurden in den letzten 63 Jahren produziert, und die Zahl an sich verschlägt einem erst einmal den Atem. Aber so beeindruckend das auch klingt, der Hilux zuckt dabei nur freundlich die Schultern: In den vergangenen 46 Jahren seiner Produktion verließen über 17 Millionen Einheiten die Fabriken.

Invalid Displayed Gallery

Siebzehn. Millionen.

Verkauft wird der Hilux fast überall auf der Welt, lediglich in Japan, den USA, Canada, Nord- und Südkorea wird er nicht offiziell angeboten. Bleiben immer noch 135 Länder übrig, in denen der kleine Pritschenwagen die Kundschaft beglückt. Produziert wird der Lux derzeit in Japan, Argentinien, Venezuela, Südafrika (woher unsere deutschen Exemplare stammen), Malaysia, Pakistan und Thailand. Auch das zeigt die konsequent weltweite Ausrichtung der Vermarktung. Seit 25 Jahren gibt es den Hilux auch offiziell in Deutschland, wenngleich er hier eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Die aktuelle, siebte, Generation des Lastesels gibt es seit 2005, drei Facelifts musste er in dieser Zeit schon über sich ergehen lassen. Bevor sich im Herbst 2015 die achte Generation anschickt, die entlegenen Winkel dieser Welt zu erkunden, habe ich mir noch einmal das aktuellste Modell geschnappt und ein wenig auf und abseits der Straße bewegt.

Ganz konkret geht es hier um einen Doppelkabiner mit 3-Liter Maschine und Executive-Ausstattung in, und das muss ich echt mal sagen, ziemlich schickem blau, auch wenn ein nicht näher zu nennender deutscher Hilux-Spezialist mir vorgeschlagen hat, doch auch gleich ein rosa Handtäschchen mitzunehmen. Zusätzlich war am Testwagen das „Invincible“-Paket verbaut, das neben silbernen Applikationen und Chrom an Lufthutzen-Einlass, Nebelscheinwerfern und Rückleuchten auch einen Edelstahl-Überrollbügel und Edelstahl-Schwellerrohre mit sich bringt. Im großen und ganzen ist das reine Optik, die dem Hilux zwar gar nicht so schlecht zu Gesicht steht, jedoch für sagenhafte 1.950 Euro ein wenig arg tief in die Tasche greift. Wobei: Der Schwellerschutz fungiert durch seine keck nach unten gebogenen Enden auch als veritabler Ast- und Felssammler und bescherte mir beim ersten Anblick zumindest einen heiteren Moment. Die Halterungen sind zudem eher filigraner Natur, womit der Schwellerschutz bei ordentlich Grundberührung eher zur Schwellergefahr wird. Aber sind wir ehrlich: Für hardcore-Einsätze wurde dieses Paket eh nicht entwickelt, also ist das völlig in Ordnung.

Zusätzlich zum Invincible-Paket gab es hier noch eine abschließbare (und auch wirklich dichte) Laderaumabdeckung inkl. Teppich im Laderaum und ein feines Ledergestühl mit weißen Nähten, das eigentlich der Ausstattungsvariante „Life“ vorbehalten ist (der Executive hat ja eh Ledersitze), die man aber hier zu Demonstrationszwecken verbaut hat. Über den Sinn und Zweck von Teppich im Laderaum kann man sich sicher streiten, ich persönlich halte es eher für eine lustige Idee. Allerdings wirkt die graue Auslegeware immerhin rutschhemmend und kann zur Not schnell rausgenommen werden, da nur mit Klett befestigt. Aber Achtung, das sei an dieser Stelle für den Hinterkopf angemerkt: Laderaumabdeckung und Heckklappe schließen unabhängig voneinander. Man sollte also auch daran denken, BEIDES abzuschließen, sonst bringt es wenig. 😉

Der Hilux an sich beginnt bei 21.420,00 Euro als 2WD und bei 25.168,50 Euro als 4WD, der Double Cab (übrigens, ein für alle Mal: „Cab“, nicht „Cap“, es geht ja nicht um eine Doppelkappe :-p ) kostet als Executive Automatik dann schon 40.222,00 Euro. Zusammen mit Invincible-Paket (€ 1.950,00), Laderaumabdeckung mit Teppich (€ 2.250,00, ohne Teppich € 1.775,00), Ledersitzen (€ 1.550,00), Sonderfarbe Ultramarinblau metallic 8T7 (€ 654,00) und Anhängebock (€ 505,75) kommen für das Testfahrzeug dann ziemlich ausgewachsene 47.131.75 Euro zusammen. Wobei man die Ledersitze natürlich streng genommen nicht rechnen darf, da er ja eh Leder hätte. Bleiben immer noch knapp 45.600 Euro übrig. „Jessesmariaundjosef!“, entfährt’s einem da spontan, und das völlig zu recht.

Genug drumherumgelaufen, steigen wir ein: Der Hilux an sich ist ja nun wirklich lange genug auf dem Markt, über die bekannten Details muss ich nicht viele Worte verlieren. Der Innenraum ist angemessen gemütlich und nicht überladen, alle Bedienelemente sind gut erreichbar, die Haptik ist angenehm, Heizung und Klimaautomatik laufen super – ich mag den Hilux einfach, er fühlt sich einfach angenehm unaufgeregt an. Einzig die Sitzposition vermochte mich in der aktuellen Hilux-Generation noch nie wirklich zu überzeugen, aber das ist vermutlich eher subjektiver Natur. Ich sitze nicht schlecht oder unbequem, es ist einfach nur irgendwie nicht perfekt.

Im Testwagen war die Multimedia-Navigations-Kombi „Touch&Go“ verbaut, was grundsätzlich ein umfangreich ausgestattetes System ist. Allerdings stand das Radio im Testfahrzeug der Bluetooth-Verbindung offensichtlich eher skeptisch gegenüber, was für einige lautstarke Auseinandersetzungen mit dem Gerät sorgte. Warum z.B. nach einem Telefonat plötzlich „Audio aus“ im Display erscheint und man die Musik erst wieder händisch einschalten muss (desgleichen beim Umschalten von Musik auf Hörbuch im iPhone), blieb mir ein Rätsel. Die Navigationsfunktion ist darüber hinaus recht langsam bei der Eingabe – oder bin ich zu schnell? Man weiß es nicht. Ans Ziel gebracht hat es mich jedenfalls, und das zählt, also Schwamm drüber.

Fröhlich losgedieselt denke ich wieder mal bei mir, wie gern ich immer wieder den Hilux fahre: Das ist einfach ein klasse Auto und in vielerlei Hinsicht sehr ausgewogen. Der Doppelkabiner mit der Laderaumabdeckung ist naturgemäß nicht ganz so leicht auf der Hinterachse wie die Brüder mit den kürzeren Kabinen, was mein Lieblings-Drift-Auto ein wenig konservativer die Spur ziehen lässt, aber zur Not stellt ein beherzter Tritt aufs Gaspedal die Karre immer noch herrlich vorhersehbar quer. Und ich muss definitiv eine Lanze für das Serien-Fahrwerk brechen: Es passt einfach. Natürlich kommt der Lux ein wenig hoppeliger daher als so mancher Wettbewerber (dazu später noch mehr), aber das ist auch einfach dem konsequenteren Nutzfahrzeug-Charakter geschuldet. Dennoch: Es steckt alles munter weg, hält die Fuhre stabil in nahezu jeder Lebenslage und lässt im Gelände ausreichend Spielraum auch bei leerer Ladefläche.

Der Motor ist ebenfalls ausreichend bekannt, da mittlerweile seit gefühlten Ewigkeiten im Einsatz: Am 1KD-FTV finde ich persönlich nicht viel zu meckern, auch wenn er natürlich ein wenig rauh läuft. Was im Prado aber mitunter störend wirken kann, gehört hier (in meinen Augen) zum Charme des Nutzfahrzeugs. Der KD-Motor wird schließlich nicht nur im Hilux eingesetzt, sondern, neben anderen Fahrzeugen, auch in Gabelstaplern, Kühlaggregaten und neuerdings auch in Booten. Es ist und bleibt ein Industrie-Motor, und das darf man ihm von mir aus auch anhören. Die aktuelle Euro-5-Version leistet im Hilux 171 PS und erfreut mit 360 Nm auf einem breiten Drehzahlband zwischen 1400 und 3400 Umdrehungen. Der Commonrail-Direkteinspritzer mit Turbo und Intercooler könnte den Hilux damit ausreichend flott bewegen, wenn da nicht…tja…wenn ihm da nicht immer wieder diese Automatik ins Handwerk pfuschen würde. Das Zusammenspiel zwischen den beiden ist gelinde gesagt suboptimal: Der Motor dreht immer wieder viel zu hoch, die Automatik schaltet etwas zu hektisch, die ganze Fuhre wirkt recht oft leicht gequält und hat ein eher verzögertes Ansprechverhalten. Speziell die Schaltpausen und die Pause beim Anfahren haben dem ganzen die eine oder andere unflätige Beleidigung eingebracht, was jedoch nicht viel bewirkt hat. Mitunter wirkt die Kombination aus 3 Litern und Automatik lahmer als der kleinere zweieinhalb-Liter-Motor mit Schaltgetriebe. Die Automatik schluckt wahnsinnig viel Dynamik, und obwohl es ja das gleiche Getriebe wie im 150er ist, ist die Steuerung natürlich leider eine andere.

Gut, ich gebe zu: Ganz so schlimm war es dann doch nicht, über den Testzeitraum habe ich mich daran gewöhnt. Dennoch: Daran könnte man arbeiten, und ich bin sehr gespannt wie der Neue abgestimmt sein wird.

Im Laufe des zweiwöchigen Tests habe ich ca. 2.500 km zurückgelegt, und zwar in allen Lebenslagen: Mit BJ42 auf dem Anhänger zum Fototermin mit der „Auto Zeitung“ nach Wülfrath, ganz gediegen im Alltagsverkehr von und zur Arbeit, vollgeladen mit Werkzeug zu Baustellenterminen, gemütlich auf der Autobahn nach Ingolstadt zum Drehtermin mit „Motorvision“, einen Tag mit Schmackes durchs Gelände, nach München rein, aus München raus, mit Vollgas wieder zurück und so weiter, und so fort – es war alles dabei. Das Fazit zum Verbrauch, wieder einmal: Es ist ohne Probleme möglich, den 3-Liter-Hilux mit 9 Litern zu fahren (im Alltag kam ich auf 9,3), und auch mit schwerem Anhänger bleibt er mit 11,5-14 Litern durchaus bescheiden. Und wie bei jedem großen Auto gilt auch hier: Die Masseträgheit ist der Freund des Tankwarts. Wenn man die Fuhre schön in Schwung hält, gleichmäßig fährt und einigermaßen entspannt mit dem Gaspedal umgeht, sind ordentliche Verbrauchswerte absolut zu schaffen.

Was ich mir persönlich vielleicht noch wünschen würde, wäre die neue „Trailer Sway Control“, die Anti-Anhänger-Schlinger-Steuerung, die es seit einem Jahr im Prado gibt. Das wäre für den traditionell als Zugfahrzeug genutzten Hilux eine durchaus sinnvolle Ergänzung. Natürlich geht es problemlos auch ohne, aber das ist eine jener technischen „Spielereien“, die im täglichen Einsatz durchaus Sinn ergeben.

Der Hilux ist ein ausgereiftes Fahrzeug, was mit Bravour alle Lebenslagen meistert und dabei auf wunderbare Weise Robustheit, Flexibilität und Komfort miteinander verbindet. Dennoch wüsste ich bei diesem Testfahrzeug mindestens zwei Dinge zu verbessern, um aus einem tollen Auto ein RICHTIG tolles Auto zu machen.

Was das ist, wie er sich im Gelände schlug und was ein rostroter Anorak damit zu tun hat, das lest Ihr im zweiten Teil. 🙂

Hier geht’s zu Teil 2 des Tests >>

 

Diskussion: http://forum.buschtaxi.org/toyota-hilux-invincible-kurztest-teil-1-t48807.html

 

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Or
Follow

Follow this blog

Get every new post delivered right to your inbox.

Email address