Volle Transparenz: Telematik-Tarife bei Kfz-Versicherungen

Es gibt vermutlich nur wenige Menschen, die nicht gerne bei der Kfz-Versicherung sparen würden, stellt doch die Versicherung einen recht großen Anteil der Unterhaltskosten dar.

Und es gibt wohl keine Versicherung, die nicht gerne noch mehr über ihre Kunden und vor allem deren Fahrweise herausfinden würde, beeinflusst diese doch maßgeblich das Versicherungsrisiko.

Beide können jetzt zusammenführen: Auch in Deutschland schicken sich die Versicherer an, sogenannte „Telematik-Tarife“ anzubieten. Versicherungstarife also, deren Preisfindung von der Fahrweise des Versicherungsnehmers abhängt. Diese wird gemessen durch Telemetrie-Boxen oder Apps auf dem Smartphone.
App oder Box sammeln Fahrdaten wie Geschwindigkeit, Beschleunigung, Bremsverhalten. Diese Daten werden dann vom Versicherer bewertet: Vorausschauendes Fahren wird mit Rabatten belohnt. Das heißt im Gegenzug: Messbar „digitale Fahrweise“ mit abrupten Beschleunigungen oder Bremsmanövern werden als nicht ganz so defensiv angesehen. Das vermeintlich höhere Unfallrisiko des Fahrers verwirkt dessen Chance auf einen Preisnachlass.

Nachdem kleinere Versicherer wie Sijox, VHV, Axa und Admiral Direkt solche Tarife schon im Programm haben (die S-Direkt hatte bis Ende 2015 ein Pilotprojekt laufen), ziehen jetzt mit Allianz und HUK Coburg zwei Branchenriesen nach.

Die Allianz hat ihren Telematik-Tarif Anfang April vorgestellt und richtet sich dabei ausschließlich an junge Autofahrer unter 28 Jahren. Die technische Umsetzung: Ein Bluetooth-Stecker im Zigarettenanzünder und eine damit gekoppelte App auf dem Smartphone erfassen die Fahrdaten. Die Allianz bietet bei einer nachweislich „sicheren Fahrweise“ einen Nachlass von bis zu 40 Prozent der jährlichen Prämie. Dafür muss der Fahrer seine Aufzeichnungen regelmäßig übermitteln. Bei dem Projekt arbeitet die Allianz mit einem kanadischen Dienstleister zusammen, der die Informationen erhält. Die Allianz selbst hat nach eigenen Angaben keinen direkten Zugriff auf die Daten und könne keine persönlichen Informationen daraus ableiten. Der denkende Leser indes kratzt sich am Kopf: Und was ist mit dem externen Dienstleister?

Die HUK hingegen möchte ihre Kunden nicht per App auf dem Smartphone überwachen, sondern mit einer fest im Fahrzeug eingebauten Box. Die Kosten dafür trägt die Versicherung. „Oberste Priorität bei den Telematik-Tarifen hat der Datenschutz“, sagte Vorstandschef Wolfgang Weiler am Mittwoch in München. „Deshalb haben wir uns Zeit gelassen und nicht die erste beste Lösung genommen.“

Andere Versicherungen handhaben das anders: Bei der VHV zahlen Kunden jährlich 84 Euro für die Telematik, höchstens 30 Prozent können sie dadurch sparen. Es lohnt sich also erst ab 281 Euro Versicherungsbetrag jährlich.

Im Ausland sind Telematik-Tarife bereits seit längerem fester Bestandteil von Kfz-Versicherungen, so z.B. in Großbritannien, Italien, Österreich (mit 50.000 Telematik-Versicherten im Jahre 2014) und den USA, wo sogar 10% der Vertragsnehmer entsprechend überwacht werden.

Soweit, sogut: Es gibt die Chance auf Ersparnis, wenn ich meine Fahrdaten preisgebe. Die Frage ist nur, ob man der allgegenwärtigen Datensammelwut durch derlei Systeme auch noch aktiv Vorschub leisten möchte. Ob es jemanden persönlich stört, dass Fahrwege, -Zeiten und -Weise aufgezeichnet, weitergegeben und ausgewertet werden, muss jeder für sich entscheiden. Man sollte jedoch dabei auch im Hinterkopf behalten, dass durchaus die Möglichkeit besteht, eine Kündigung zu erhalten, wenn man allzu sportlich unterwegs ist. Ein Risiko, das viele Kunden noch von dieser Entscheidung abhält: Laut Versicherungsmonitor würden derzeit nur 43 Prozent der Deutschen einen Telematik-Tarif wählen.

Forschern der University of California ist es übrigens gelungen, sich über eine SMS-Sendung an eine amerikanische Telematikbox, die mit der On-Board-Diagnose (OBD 2) verbunden war, in ein Auto zu hacken. So konnten sie den Wagen bremsen lassen und die Scheibenwischer bedienen. Auch nicht die schönste Aussicht.

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