Land Cruiser 6×6 Multidrive

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Als Offroader, Fernreisender oder einfach nur als Fan von Geländefahrzeugen stellt man sich immer wieder die bange Frage, ob 2 angetriebene Achsen und 4 Räder eigentlich nur eine kostengünstige Notlösung sind und ob man mit 6 Rädern nicht einfach besser fährt. Gut, das ist ein wenig übertrieben formuliert, aber die Grundfrage bleibt: Können 6 Räder alles ein wenig besser als 4? Was die Verringerung des Bodendrucks und die Erhöhung der Traktion angeht, ist diese Frage schnell mit einem beherzten „auf jeden Fall!“ beantwortet. Aber es gibt auch einige Kehrseiten, und die heißen unter anderem „Länge“, „Manövrierbarkeit“, „Komplexität“, „Kraftstoff-Effizienz“ und nicht zuletzt auch „Kosten“.

Es gibt nur wenige kompakte 6×6-Serienfahrzeuge, und die meisten davon sind ohnehin Umbauten aus dem Aftermarket, und das hauptsächlich als spektakuläres Show Car oder im Bereich von Militär und Spezialfahrzeugen. Einer dieser Spezialfahrzeug-Hersteller ist das australische Unternehmen „Multidrive Technology“, das mittlerweile seit über 30 Jahren auch den Toyota Land Cruiser mit einer zusätzlichen (angetriebenen!) Achse ausstattet.

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Und einen solchen durfte ich mir unlängst aus der Nähe anschauen: Bei Extrem in Schwenningen stolperte ich über einen J7 mit Multidrive-Umbau und dem 1GR-FE-Motor (also 4 Liter V6). Das Fahrzeug kam von Sandlander in Ungarn und ist mittlerweile auch wieder dort angekommen und wird für einen Kunden weiter umgebaut.

Multidrive hat ein ziemlich cleveres System entwickelt, das im Gelände in den meisten Situationen ausreichend Traktion verspricht: Über der „zweiten“ Hinterachse ist ein Arm drehbar gelagert, der hinten das hintere Ende der hinteren Blattfeder und vorne das hintere Ende der vorderen Blattfeder aufnimmt, während das vordere Ende der hinteren Blattf…aber das kann man nicht erklären, das muss man gesehen haben:

 

 

Das ganze ist keine grundlegend neue Idee, aber eine ziemlich trickreiche Lösung und eine saubere Umsetzung: Statt jede Achse für sich aufzuhängen, sind sie gekoppelt. Wird eine der Hinterachsen durch ein Hindernis nach oben gedrückt, drückt sie damit die andere Achse gleichzeitig nach unten. So ist in den Grenzen der Achsverschränkung größtmöglicher Bodenkontakt für alle vier Hinterräder gewährleistet, und zwar nicht nur als „mitgeschleppter“ Kontakt, sondern mit gleichem Anpressdruck:

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Schauen wir uns die Bewegungen im Detail an. „Neutrale“ Stellung, „Kuppe“, „Senke“…solange die Grenzen der Achsverschränkung nicht überschritten werden, haben alle Räder den gleichen Anpressdruck:

 

 

Um das alles unterzubringen, nimmt MDT einen Land Cruiser 79 (meistens jedenfalls, es gibt aber auch Versionen auf Basis des 78ers), verlängert den Rahmen um einen Meter und baut ihn entsprechend der Aufnahmen für Achsen, Federn und Umlenkungen um. Hinter dem Verteilergetriebe sitzt ein von MDT entwickelter „Drive Splitter“, der über zwei versetzte Ausgänge die zwei separaten Kardanwellen nach hinten versorgt. Die Welle zur zweiten Hinterachse fällt dabei naturgemäß recht lang aus, was allerdings im Fahrbetrieb nicht auffällt. Die Achsen stammen übrigens aus dem Toyota-Regal, die Ausgänge des Drive Splitters sind versetzt, sodass sich die Kardanwellen bei Bewegungen der Hinterachsen nicht ins Gehege kommen. Die Blattfedern sind natürlich ebenfalls versetzt, damit sie beim Einfedern aneinander vorbeilaufen. Das schaut recht beeindruckend aus:

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Überhaupt: Wie fährt sich das ganze denn? Unglaublich unauffällig, ehrlich gesagt. Würde man sich nicht zwanghaft daran erinnern, dass hier eine Achse mehr als üblich mit im Spiel ist, fiele das im Straßenbetrieb überhaupt nicht auf. Sofern man jedenfalls nicht unbedingt enge Park- oder Wendeübungen absolvieren muss, dann wird die Fuhre schnell ein wenig störrisch. Dennoch: Die 6×6-Variante fuhr sich im Test genauso „schnittig“ wie die HZJ-Serienversion, wobei natürlich hier hinter der Kabine eine Menge Gewicht fehlt. Auf Waldwegen, nassen Wiesen und im (ganz leichten) Gelände zieht der 6×6 seine Bahn wie auf Schienen, schwereres Gelände konnte ich bei dieser Testfahrt leider nicht absolvieren.

Den Test im Sand, der einem zwangsläufig in den Sinn kommt, hat glücklicherweise Kollege Andrew St. Pierre White für uns absolviert:

Andrew war offensichtlich so begeistert von diesem Cruiser, dass er ihn spontan als „bestes Reisefahrzeug überhaupt“ eingestuft hat. Das ist diskussionswürdig, ohne Frage, und natürlich sind Fern- oder Expeditionsreisen allenfalls nur eine Randerscheinung für die Multidrive-Fahrzeuge: Vor allem dienen diese Boliden als Basis für Sonderaufbauten wie für Feuerwehren, Industrie, Flughäfen und ähnliches – bei dieser Traglast kann man nahezu alles hinten draufschrauben:

Und natürlich gibt es auch eine glitzernde Zivilversion, die MDT aufgelegt hatte, nachdem Mercedes mit ihrem wilden 6×6-G so einen riesen Wirbel gemacht hatten: http://www.multidrive.com.au/pdf/4×4%20Australia%20-%20Article.pdf

Auch sehenswert dazu: Das Ergebnis der Kooperation mit dem in Dubai ansässigen Unternehmen NSV.

Der Land Cruiser 6×6 ist ein Nischenprodukt, natürlich. Aber es ist eine nahezu perfekte Lösung für so manchen kniffligen Einsatzzweck. Und wenn man sich bei 5,4 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht und einer Grundfläche, die größer ist als meine erste Wohnung, die Möglichkeiten so durch den Kopf gehen lässt, kommt man aus dem Träumen nicht mehr raus…

 

Diskussion im Forum: http://forum.buschtaxi.org/land-cruiser-6×6-multidrive-t60591.html

 

Links:

http://www.multidrive.com.au/
http://www.multidrive.com.au/gallery.html

http://www.sandlander.com/

http://www.extremfahrzeuge.com/

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