Toyota Hilux Invincible: Kurztest, Teil 2

Gib Gummi!

Zwei, drei Tage nach meiner Tour nach Wülfrath mitsamt Anhänger und BJ42 bin ich nach Ingolstadt gedieselt, für einen Drehtermin mit Motorvision. Ein Geländetest sollte es werden, präziser gesagt: Ein Gelände-Vergleichs-Test (wo also in aller Regel Äpfel mit Birnen…aber dazu später mehr). Und weil ein Geländetest mit Winterreifen so sinnvoll ist wie eine Bergwanderung in Turnschläppchen, schlug ich einen Haken über Dornstetten im Schwarzwald und ließ mir von den Jungs bei „Nestle Offroad“ erst einmal ordentliche Räder aufziehen: Mit 265/70-17 BFG MT KM2 auf schwarzen Alus schaut der Hilux nicht nur sofort deutlich besser aus, er hat halt einfach auch mehr Grip im Dreck. Und damit die Optik noch ein wenig knackiger wird und ich im Gelände nichts zurücklasse (man ist in Köln irgendwie nicht so freigiebig, was den hauseigenen Kunststoff angeht, da muss immer alles auch wieder zurückgebracht werden), wurden die Spritzschutzlappen auch gleich demontiert.

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Der rote Anorak

Also auf nach Ingolstadt, wo mich das Team von Motorvision und Kurt Sigl (ehemals Präsident des Allradverbandes) in Kurts kleinen, feinen Gelände erwarteten. Mitgebracht hatten sie, Ihr habt es ja eh schon geahnt, einen VW Amarok. Was mich auch zur angedeuteten Eingangsfrage bewegte, ob es zum rostroten Amarok denn keinen passenden Anorak gegeben habe…woraufhin ich mir anhören durfte, dass ich mit meinem Disco-blauen Hilux lieber mal nicht über Farblehre diskutieren sollte.

VW hatte einen Amarok in der Sonderversion „Canyon“ ins Rennen geschickt, dezent gekleidet in Copper Orange Metallic und Canyonmäßig mit allerlei optischem Schnickschnack ausgestattet – wie der Hilux „Invincible“ ja letztendlich auch, wie man zugeben muss. Interessant am Rande: Der Überrollbügel heißt bei VW nicht einfach „Überrollbügel“ sondern „Styling Bar“. Das möchte ich jetzt einfach mal unkommentiert so stehen lassen. Aber immerhin: Die in den Bügel integrierte LED-Arbeitsscheinwerfer-Leiste ist tatsächlich eine gute Idee.

Unter der Haube des Anoramarok steckte die übliche aufgeblasene 2-Liter-Maschine, die als TDI 132 kW leistet. Auf die Räder gebracht wurde das im Testwagen mittels 4MOTION und der 8-Gang-Automatik. Ich möchte jetzt nicht allzu viel über den Amarok schreiben, es geht hier ja um den Hilux. Aber wo wir gerade schon hier sind, sei zusammenfassend angemerkt: Ja, VW hat da tatsächlich ein schönes Auto auf die Räder gestellt, mit dem man auch richtig was anfangen kann. Die Automatik schaltet weich, der Motor hat erstaunlich viel Kraft, das Fahrwerk ist sehr komfortabel abgestimmt, der Innenraum ist angenehm gestaltet, man sitzt bequem, alles ist gut erreichbar und mit der üblichen VW-Haptik ausgestattet. Es gibt im großen und ganzen im ersten Moment nichts daran zu meckern. Dennoch ist die Rollenverteilung klar, und daran gibt es für mich auch nichts zu rütteln: Der Amarok ist ein komfortabler Pick-up für normale mitteleuropäische Nutzung im Privat-/Gewerbebereich, der Hilux ist das weitestgehend kompromisslose Arbeitstier für ALLE Fälle. Auf der Straße ist der Amarok ohne Frage deutlich komfortabler abgestimmt, jedoch ist der Rasenmähermotor in meinen Augen einfach ein riesen Fehler, denn in ein solches Werkzeug gehört ein Mindestmaß an Hubraum. Downsizing hat in der Nutzfahrzeug-Welt seine Grenzen, und zwei Liter sind nach meinem Dafürhalten zu wenig. Selbst der zweieinhalbliter 2KD-FTV aus dem Hilux, der kleine Bruder des 3 Liter großen 1KD-FTV im Test-Lux, ist gegenüber der Amarok-Maschine das deutlich bulligere Kraftwerk. Wir kennen das Problem aus den Luxen der früheren Baujahre: Wurden andernorts die schönen Dreiliter verbaut, gab es „bei uns“ die schlaftablettigen Zweivierer, und das geht ab und an einfach an die Nerven.

Kreise fahren

Wenn es dann ins Gelände geht, ist die Diskussion schlagartig beendet: Mit dem Hilux fährt man spielerisch rein und wieder raus, wo der Amarok ehrlicherweise gar nicht erst hinkommt. Oder eben nur rein, aber nicht mehr raus. Das hört sich jetzt arg reißerisch an (und sehr erwartbar, wenn ausgerechnet ICH das schreibe, das gebe ich ja zu), ist aber unmittelbar erlebbar, wenn man es nur mal sachte probiert. Zur Ehrenrettung des VW muss ich aber erwähnen, dass er, da er direkt von der Hanoveraner Pressestelle kam und Pressestellen ganz allgemein mit dem Wort „Geländetest“ nichts anfangen können, natürlich ganz normale Winterreifen drauf hatte. Die hatten zwar durchaus ordentlich Grip, dennoch war das Reifenverhältnis grob unfair. Ich habe mich hin und wieder gewundert, wie gut die Winterreifen beißen, aber gegen die MTs sehen Winterreifen auf schmierigem Untergrund natürlich alt aus, da braucht man nicht drumherum zu reden.

Aber es ist, wie es ist, und man muss natürlich mit dem Material arbeiten, das man bekommen. Also bin ich mit dem Hilux halt Kreise um den Amarok gefahren, hilft ja nix. 😉

Das ändert aber nichts am Grundsatz, Reifen hin oder her: Das härtere Gerät ist der Hilux. Hier eiert man auch mit einer Tonne Nutzlast auf der Pritsche noch gemütlich durch, wo der Amarok schon leer die Segel streicht. Mein Test-Hilux hat angenehmerweise auf sämtliche Elektronik verzichtet, also keine Knöpfchen und Schalterchen für das Platinengestützte Fahrerlebnis. Warum man allerdings im Executive Double Cab als einziger der Ausstattungvarianten KEINE hintere Sperre bekommt, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben – man kann es drehen und wenden, wie man will, das ist einfach Humbug. Hört Ihr mich in Köln? HUMBUG! 😉 Der Amarok hatte hingegen eine Downhill-Assist-Control und eine Kriechautomatik, die beide sehr sauber arbeiteten, sowie eine hintere Sperre. Das half hier und da, dem Hilux ein wenig hinterherzukommen. Aber gereicht, so ehrlich müssen wir sein, hat das nicht.

Das ist aber jetzt kein „VW-Bashing“, ganz im Gegenteil: Der Amarok ist ein ordentliches Auto, keine Frage. Was man von einem Pick-up erwartet, liegt allerdings im Auge des Betrachters, und meine persönliche Präferenz sagt: Das reicht einfach nicht, ein Pick-up muss mehr bieten. Dementsprechen anders – sorgloser! – fahre ich das Gerät auch. Ein Werkzeug hat in dem Moment seinen Sinn verfehlt, in dem ich mir im Einsatz ständig Gedanken darum mache. Motorvision-Kameramann Volker meinte zwar etwas verwundert, dass ich dem Hilux ja „nichts schenken“ würde, und ob das denn OK wäre, wäre ja ein Testwagen, und ob denn da nichts kaputt ginge. Dabei war ich ehrlich gesagt zu 100% komplett entspannt und auf Sicherheit unterwegs, da wir im Fall der Fälle nichts zum bergen gehabt hätten und der Zeitplan recht eng war. Da ist nicht viel Zeit für „Hoppla! Ich hätte gedacht, das packt er…“.

Für das Verständnis: „Auf Sicherheit fahren“ heißt hier lediglich, ein Steckenbleiben zu vermeiden. Um das Material machte ich mir zur keiner Zeit Sorgen, dem Hilux ist das ehrlich gesagt weitestgehend egal, was ich da mit ihm anstelle. Wenn ich in einem solchen sitze, fahre ich einfach, über die Streckenführung mache ich mir keine großen Gedanken. Ja, natürlich: „in Grenzen“, es ist schließlich kein Trial-Fahrzeug. Aber Ihr wisst, was ich damit sagen möchte: Im Hilux weiß ich zu jeder Zeit, was das Fahrzeug tut, wie passgenau ich gerade auf der Strecke unterwegs bin und wann der Spaß zu Ende ist.

Eine Anekdote zur Ergänzung: „Du fährst jetzt vorwärts da rein, drehst um und fährst wieder raus“, hieß es, und die Kameras positionierten sich schön mitten im Gelände. Es ging um eine recht schlammige, enge Sektion mit ausgewaschenen Spuren und schön stark herausstechenden Verschränkungs-Passagen, erreichbar über eine kleine Böschung. Das ist so ein Moment, in dem ich mit dem Hilux halt reinfahre und es versuche. Wenn’s nicht klappt, fahr ich halt wieder raus. Gesagt, getan: Reingefahren, gewendet (dabei habe ich rückwärts halt spontan die halbe Böschung weggeschoben, wofür habe ich den Anhängebock denn? Mit dem Verkauf des so gesammelten Mutterbodens konnte ich den Sprit nach Ingolstadt bezahlen.) und rausgefahren. Fahrzeugwechsel: Amarok. Reingefahren…und, naja…das klingt jetzt arg erwartbar, wenn ich das schreibe, aber es ist halt genau so passiert: „Wenden“ war nicht, keine Chance. Das lag nur zu einem kleinen Teil an den Winterreifen, es lag halt vor allem an Verschränkung, Bodenfreiheit, am ganzen Fahrzeugkonzept. Da half auch die ganze schöne Elektronik nichts. Also habe ich aufgegeben, bevor ich mit Gewalt was kaputt gemacht habe. Das ist exakt, was ich meine: Mit dem Hilux probiere ich es, und zwar ohne Sorgen um Material oder Rückzug. DAS zeichnet für mich ein Arbeitsgerät aus.

Mit anderen Worten: Ich fühle mich pudelwohl, der Hilux sitzt wie ein Anzug, und schlussendlich fange ich an, damit zu spielen. Und ja: Das gilt auch und immer noch für die aktuelle Generation. Es werden weltweit nicht umsonst solche Massen davon verkauft.

Zahlenspiele

„Weltweit“, wohlgemerkt. In Europa schaut das anders aus, wie wir wissen. VW ist speziell im deutschen Markt natürlich außerordentlich gut vertreten, der Hilux hingegen führt in Deutschland ein Schattendasein: Der meistverkaufte Pick-up der Welt wurde hierzulande vom Wettbewerb geradezu abgehängt und dümpelt in den Verkaufslisten auf Rang vier vor sich hin. Gerade einmal 2.000 Exemplare wurden im vergangenen Jahr ausgeliefert, nur halb so viel wie vom Amarok. Europaweit dreht sich das Bild ein wenig: 34 tsd. Hilux stehen 14 tsd. Amarok gegenüber. Und wenn man den Fokus weiter aufzieht, stehen 90 tsd. Amarok gegenüber etwas mehr als 600 tsd. (Ihr habt richtig gelesen!) Hilux auf ziemlich verlorenem Posten. VW gibt ordentlich Gas, aber solche Zahlen werden sie nicht erreichen.

Wo liegt der Fehler?

Meiner bescheidenen Meinung nach macht Toyota Europa hier einen Fehler: Speziell auf dem deutschen Markt findet der Hilux einfach nicht statt. Dabei wäre der Hilux (wie der Land Cruiser auch) mehr denn je dazu geeignet, das zurück zu bringen, was Toyota in Europa derzeit am meisten fehlt: Bodenständige, tief sitzende Emotion und beständiges Grundvertrauen in Produkt und Marke. Kaum ein Moment kann beides so nachhaltig fördern wie das Erlebnis, sich in außergewöhnlichen Situationen zu 100% auf ein Fahrzeug verlassen zu können. Und auch wenn man dieses Erlebnis nicht jedem potentiellen Toyota-Käufer persönlich ermöglichen kann: Man kann es kommunizieren. Und man kann damit nicht nur etwas für die Verkaufszahlen des Hilux tun, sondern auch andere Produkte der Marke damit fördern. Toyota hat das in den meisten Märkten der Welt mit dem Land Cruiser vorgemacht, der als Speerspitze in die Märkte eingeführt wurde und in dessen Fahrwasser andere, später eingeführte Produkte mit einem enormen Vertrauensvorschuss belegt wurden. Leider ist dieses Wissen wohl verloren gegangen.

Aber zurück zum Test: Das Beste kommt bekanntlich immer zum Schluss, deshalb gibt es noch einen dritten Teil. Stay tuned! (bleiben Sie getuned, oder so…was übrigens eine unfassbar geniale Überleitung zum dritten Teil ist… 😉 )

P.S.: Die in Ingolstadt abgedrehte Sendung von „Motorvision 4×4“ läuft irgendwann im März auf Sky, Sendetermin kenne ich noch nicht.

P.P.S.: Die im ersten Teil erwähnten Fotos von Land Cruiser BJ42 und Land Rover Serie I finden sich in der aktuellen Ausgabe von „Auto Zeitung classiccars“, die derzeit in der Auslage liegt.

 

Diskussion: http://forum.buschtaxi.org/hilux-invincible-kurztest-teil-2-t49430.html

 

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